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Warum ich Konfirmationen so anstrengend finde – oder: Die Angst, dass die Zukunft schon da ist

Liebe Sängerinnen,

schön, dass ihr am Samstag dabei seid. Dann ist es nicht so, wie hier beschrieben. Oder zumindest fühlt es sich nicht so an. Hier nun mein Statement dazu, warum ich Konfirmationen so anstrengend finde.

Ich freue mich über Kommentare!

Gudrun

Ich empfinde mich mit meinem sonntäglichen Dienst in der Kirche am Markt in Hamburg-Niendorf in einer sehr priviligierten Situation. Ich kann in meiner Kirchenmusikerstelle noch extrem viel davon machen, wofür viele von uns Kirchenmusikern mit ihrer Entscheidung für dieses Studium und diesen Beruf ursprünglich angetreten sind. Nicht nur in der Chor- und Konzertarbeit, sondern gerade in der Gottesdienstarbeit tritt das sehr deutlich zutage. Meine Chöre tragen das Singen im Gottesdienst extrem gut mit und oft kann ich große Teile von Konzertprogrammen ohne Qualitätsabstriche in den Gottesdienst einbringen. Meine Sonntagsgemeinde ist gut informiert, sangesfreudig, ausreichend zahlreich und dankbar für diese Angebote. Meine Pastoren sind was Sonderwünsche und spezielle Einbringungen von mir angeht sehr oft extrem kooperativ und nicht selten werden kirchenmusikalisch große Gottesdienste von der Musik und ihrem Text aus designt und inhaltlich entwickelt. Fast alle meiner Sonntagsgottesdienste finden liturgisch traditionell statt. Mein Orgelspiel wird geschätzt und über 80% des Liedgutes, dass wir singen, steht im EG.

Damit stehe ich mit meinem Dienst in einer jahrhunderte langen Tradition. Ich habe gelernt, das Verhalten und die Art des Mitmachens meiner Sonntagsgemeinde als kommunikative Äußerung zu hören und (hoffentlich auch ein bisschen) zu verstehen. Ich erlebe viele Abläufe und Ereignisse im Gottesdienst als Kommunikation. Ich empfinde, dass wir mit dem Credo auf das Evangelium antworten, dass wir mit dem Lied nach der Predigt auf die Predigt antworten und den gehörten Gedanken eigene Gedanken hinzufügen – zur Bestätigung oder zur Ergänzung. Diese Formen sind sehr alt. Man kann sich moderne Formen gerne kurz vorstellen (sitze in Veranstaltung „Gottesdienst mit Pastor X. Predigt bekommt ein like. Orgel? Zulang. Dislike ;-)). Eine andere Form der Kommunikation und des Feedbacks ist der Applaus. Und oft liegt ein „Ich kann mein Feedback nicht geben“-Druck in der Luft, der sich im Gottesdienst in Form von Applaus eine Ausdrucksform sucht. Und das nicht nur wegen der Musik: Heilig Abend 2014 klatschte die Gemeinde der Christvesper nach den Abkündigungen, weil der Pastor in schlichten, aber total klaren Worten eine versönliche Position zu Flüchtlingen formuliert hatte, die alle negativen Emotionen rund um Pegida ein positiv formuliertes Ziel gaben. Es gab den so starken Wunsch der Affirmation, dass die Gemeinde klatschte.

Was ist bei Konfirmationen anders? Und warum stresst mich das so?
Konfirmationen sind natürlich toll. Die Kirche ist voll, der Altersdurchschnitt stimmt. Alle sind festlich gestimmt, schick angezogen und gestylt. Alles ist gut vorbereitet und besonders gemacht. Oft singe ich mit der Konfirmationsgemeinde vorab schonmal ein Lied. Da habe ich eine sehr direkte Kommunikation. Abgesehen davon, dass wir ein Lied üben, möchte ich vermitteln, dass Mitmachen und sich Einbringen erwünscht ist und in der Kirche bei Liedern und Gebeten ja total normal. Ich möchte die Gottesdienstbesucher in die aktive Rolle, dass die Gäste das Fest (aus-)machen, hineinsingen. Es ist wie ein warming up. Naja, natürlich ist das unterschiedlich, nicht jede Konfirmation ist gleich. Ein paar singen immer mit. Manche lesen mit, bewegen aber den Mund nicht oder kaum, jedenfalls ist es für mich nicht sichtbar. Viele nehmen den Liedzettel gar nicht in die Hand. Einige kommen ja dann erst, suchen hektisch einen Platz oder nehmen sich am Eingang gar keinen Zettel mit. Das ist irgendwie alles normal.

Aber manchmal schauen mich die Leute auch an, als würde sie das alles nicht betreffen. Sie sitzen doch da nur, dass jetzt gesungen wird, hat mit ihnen ja eigentlich nichts zu tun. Es wäre zwar ein Gottesdienst, aber sie sind ja nur hier, weil ihr Konfi jetzt seinen Termin hat und man da eben mitgeht. Und das ist sehr schlimm für mich. Da ist eine meiner kirchenmusikalischen Schlagadern ganz schön angeritzt und ich blute.

Dann die Lieder, die wir singen. Wenn kein Lied älter ist als 65 Jahre, kein Lobe den Herren, kein altes Osterlied oder ähnliches, dann entsteht eine große Kluft zwischen der Musik, die ich mache und der Musik, die ich gemeinsam mit der Gemeinde mache. Wenn das, was wir gemeinsam machen, höchstens 65 Jahre alt ist, aber das, was ich alleine (oder mit Chor oder einem Solisten) mache, gleich aus ganz anderen Jahrhunderten stammt, dann stimmt da auch etwas nicht. Entweder, traditionelle Kirchenmusik ist ein normaler Bestandteil, dann gehört eben auch ein altes Lied dazu, oder ich bin ein Museumswächter und betreibe Historismus. Meine Musik und ich sind ein Fremdkörper und gehören nicht richtig dazu, sind aber (hoffentlich) nett anzuhören. Eine Giraffe wird auch im Zoo bestaunt und gehört auch nicht richtig dazu. Die nächste kirchenmusikalische Schlagader wird malträtiert.

Wenn die Konfirmationsgemeinde dann singt, was sie zum Glück, und das meine ich wirklich ehrlich, tatsächlich meistens noch tut, dann ist die Frage, bei welchen Liedern singt sie denn am meisten mit. Was ist das gemeinsame Liedgut? Was kennt den jeder? Was macht Lust zum Singen? Was sind denn gute Lieder? Unabhängig von Danke und Laudato si hatte ich dazu neulich noch ein weiteres Erlebnis, was wieder eine meiner kirchenmusikalischen Schlagadern angeritzt hat. Es war so: Die Konfirmanden hatten sich Auf uns von Andreas Bourani gewünscht. Und natürlich ist dieser Song extrem emotional und geeignet für Lebenshöhepunkte wie Konfirmation, Abitur und Hochzeit. Und außerdem haben wir durch die Fußballweltmeisterschaft 2014 mit diesem Song ein gemeinsames emotionales Erlebnis: Deutschland ist Weltmeister. Welch ein Glückstaumel. Alle diese Gefühle kleben an diesem Lied und das für sehr sehr viele Menschen. Super, wirklich herausragend und besonders. ABER: keines der anderen Lieder konnte in der Gesangsintensität und Textidentifikation auch nur ansatzweise mithalten. Welches kirchliche Lied, Stille Nacht, heilige Nacht und eine Handvoll anderer Weihnachtsevergreens ausgenommen, könnte das überhaupt?

Es geht mir nicht darum, Fußball als Ersatzreligion zu verumglimpfen. Es geht mir darum, dass in dem Moment, als 300 Leute aufgestanden sind, und dieses Lied gemeinsam mit und für die Konfis gesungen haben, Gemeinsamkeit, Ausdruckswille und Emotionen im Raum waren in einer Intensität, die ich bei unsern kirchlichen Liedern, Gebeten wenn überhaupt höchst selten erlebe. Ich verspüre eine extrem starke Sehnsucht danach, dass in den Liedern, in denen Gott vorkommt, die Emotionalität und Beteiligung der Gemeinde auch so hoch ist. [Zum Glück vermitteln Gottesdienste mit Chor mir gute Gefühle dieser Art.] Ich verspüre einerseits diese Sehnsucht, habe andererseits aber große Angst, dass das, was ich da in den Konfirmationen erlebe, nur ein kleiner Vorgeschmack unserer kirchlichen Zukunft ist, nämlich: Die Allermeisten könnten mit den kirchlichen Liedern, dem Ritus Gottesdienst und den Inhalten der Predigt nichts anfangen. Es hat keine emotionale Bedeutung für ihr Leben. Kirche wird was für ein paar Nerds – ach ja, und alte Leute, aber das war es ja schon immer. Davor habe ich Angst. Ich will nicht wie die Giraffe im Zoo etwas machen, was mit der Welt nichts zu tun hat. Bach gegen Bourani. Ich brauche die Verbindung, das Gemeinsame, dass die Gemeinde den Gottesdienst „will“.

Deswegen finde ich Konfirmationen so anstrengend.
Hamburg, 19.04.2016 Gudrun Fliegner

P.S.: Ich weiß, Sauerstoffmangel macht Konfirmationen auch anstrengend und eine geschickte Kontrafaktur [Duden: geistliche Nachdichtung eines weltlichen Liedes (und umgekehrt) unter Beibehaltung der Melodie] von Auf uns wäre möglich und vermutlich auch sinnvoll, aber auch nur eine oberflächliche Problemlösung.

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