Performance

Bühnenpräsenz – oder „Habt ihr sie alle?“

Bühnenpräsenz

Liebe Sängerinnen,

in diesem Beitrag geht es um Bühnenpräsenz oder die Frage: „Habt ihr sie alle?“ Jemanden haben im Sinne von „die volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen“.  Außerdem schreibe ich, warum das Singen bei der Konfirmation so gut war, und was ich mir für das Konzert noch mehr wünsche. Und ich schreibe, was die Kinder aus dem Schulchor aus Bruchsal so richtig gut können und was mich daran inspiriert.

Der Schulchor aus Bruchsal

Ich hatte ja auch bei euch um Gastquartiere gebeten. Am Donnerstag kamen die 37 Sechstklässler aus Bruchsal (bei Karlsruhe). Heute morgen haben sie im Gottesdienst gesungen und im Anschluss noch ein Konzert. Die Kinder haben zwei klassische Musikstücke, eines davon zweistimmig, auswendig gesungen. Die beiden Stimmengruppen sind dabei zueinander im Wettstreit und haben sich gegenseitig angefeuert. Die Energie, sich gegenseitig zu übertrumpfen und ins Wort zu fallen war riesig – ganz im Ursprung des Wortes Konzert vom lateinischen concertare (=wettstreiten).

Der Chorleiter Jörg Wetzel, ein echt guter Typ und selbst ein außerordentlich guter Sänger, hatte die Kinderstimmen so vorbereitet, dass sie mit guter Technik singen und damit das laute Singen immer ein gutes Singen war. Das war eine wichtige Voraussetzung.

Und dann passierte dieses: Die Kinder haben alles gegen, sich richtig angestrengt und reingegeben in den Gesang. Sie haben sich in den Klang der Gruppe investiert und es wirkt, als vereinen sich die Individuen zu einer höheren Einheit. Da entsteht eine Schönheit, wie man sie auch bei einem Vogelschwarm oder Fischschwarm empfindet, der in Formation fliegt. Alle sind auf ein gemeinsames Ziel hin orientiert und geben sich da ganz rein. Diese Intensität und Leidenschaft ist so stark zu spüren, man hätte sie in Flaschen abfüllen können! Wir, das Publikum, dürfen dabei sitzen und daran Anteil haben. Die Magie wirkt auf uns, es entsteht etwas Höheres. Super Performance, großartige Bühnenpräsenz. Aber noch keine direkte Kommunikation mit dem Publikum.

Warum das Singen bei der Konfirmation so gut war, und was ich mir für das Konzert noch mehr wünsche

Was super war bei dem Singen bei der Konfirmation war, dass ihr nicht mehr für euch allein, sondern auch für die Leute gesungen habt. Was ist da der Unterschied?

Das eine ist, das jemand schön singt und jemand anderes darf der Situation als Gast beiwohnen. Das kann z.B. sein, wenn eine Mutter ihr Baby in den Schlaf singt. Das kann ja sehr zärtlich und persönlich, fast intim sein. Und wenn man da ein bisschen Gast sein kann, erhascht man vielleicht einen emotional sehr warmherzigen Moment.

Wenn wir aber für andere singen, dann hat das, was wir singen und sagen (habt ihr die Formulierung erkannt? Ist aus „Vom Himmel hoch“: (Engel:) ….der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.“) eine Richtung. Es ist Kommunikation mit Text und Tönen. Berümte Leute haben dazu, dass Musik Kommunikation und Sprache ist, schon Bücher geschrieben, z.B. Nicolaus Harnoncout: Musik als Klangrede. Und zur Kommunikation gehört der Sender (Chor) und der Empfänger (Gemeinde). Da gibt es natürlich auch Kommunikation zurück: Lauschen, sich öffnen, Aufmerksamkeit, Applaus (Gemeinde), zufriedene Dankbarkeit (Chor).

Wie sieht denn die gute Kommunikation vom Chor aus?

Kommunikationsbereitschaft

Das ist für mich das Auswendigsingen können. Dann könnt ihr rausschauen, mit dem Chorleiter Blickkontakt haben, euch von seinem musikalischen Ausdruck inspirieren lassen. Ihr habt die Ohren frei, um den Rest der Sängerinnen und Sänger, Klavier und weiteres zu hören. Das ist, als würde ich jemandem, mit dem ich rede in die Augen schauen. Seid ihr noch in den Noten, fehlt das. Die Sänger und die Zuhörer sind zufällig in einem Raum, ihr macht Schall, die anderen hören, aber die Kommunikation ist nur indirekt. Das Auswendigsingen ist das natürliche Mittel für diese Kommunikationsbereitschaft. Ich bin immer ganz glücklich, dass es im Englischen „Learning by heart“ (=auswendig lernen) heißt. Das war beim Singen bei der Konfirmation noch nicht so ganz perfekt. Aber dafür schon etwas anderes:

Emotionsbereitschaft

Wenn ich diesen Kontakt zu meinem Gegenüber in der Kommunikation hergestellt habe, ist die große Frage: Was habe ich zu sagen?
Stellt euch folgende romantische Situation vor: ein frisch verliebtes Paar, Candlelight-Diner, er nimmt ihre Hand, schaut ihr in die Augen und sagt: „Hilfst du mir dran zu denken, dass ich zuhause noch auf den Einkaufszettel schreibe, dass ich noch Klopapier und Spülmittel kaufen muss?“
Puh, das geht echt gar nicht. Es ist klar: Wenn ich eine intensive kommunikative Ebene aufgebaut habe, muss auch hochwertiger Inhalt kommen. Was wirklich wichtiges: Emotionen!
Ehrlich gesagt, normalerweise interessieren uns die Emotionen sowieso am meisten. Vielleicht irre ich mich, aber mir geht es oft so. Wenn ich Fußball schaue, interessiert mich vieles nicht. Aber ich liebe es, wenn Thomas Müller rennt, den Ball im Tor versenkt, dabei 10 Meter über den Rasen rutscht und dann in extremen Jubel ausbricht und vor ungebremster Freude und Begeisterung alle seine Manschaftskumpels auf ihn stürzen. Das ist der Hammer!
Also: ist eine intensive Kommunikationsebene oder -verbindung aufgebaut, muss emotional intensiver Inhalt rübergebracht werden. „We can move mountains“ der Gemeinde zuzusingen und es in dem Moment ganz ernst zu meinen, hat eine unglaubliche emotionale Kraft. Wow! Das war bei der Konfirmation echt richtig gut. Super Bühnenpräsenz!

Leidenschaftlichkeit

Jeder liebt den Sänger. Kennt ihr das? Da steht jemand und singt und das wirkt so offen, so warmherzig, so zart und verletzlich, dass sich sofort diese emotionale Verbindung zu der Person herstellt – auch, wenn man den Menschen dahinter gar nicht kennt.

Ich empfinde das manchmal, wenn mir meine Gottesdienstgemeinde freundliche Dankbarkeit für mein Orgelspiel entgegenbringt. Da schwingt oft eine Anerkennung meiner Persönlichkeit mit, die nicht daher kommt, dass man mich persönlich kennt, sondern man überträgt die guten Gefühle, die beim Musizieren mit mir entstehen, auf mich als Mensch. Ich denke, dass ich da i.d.R. gut wegkomme 🙂 .

Die Leidenschaftlichkeit entsteht, wenn sich der Musiker ganz in das Musizieren (und genauso auch das Singen) reingibt, körperlich und emotional, und damit in Kommunikation tritt mit seinem Publikum. Das Publikum kann dabei spüren, wie gerne der Musiker die Musik macht, wie er sich öffnet, seine Emotionen zeigt. Der Musiker bietet da echt was an. Und oft gibt es viel Feedback. Ihr habt bei der Konfirmation sehr viel Applaus bekommen. Das war sehr emotional und leidenschaftlich vom Publikum! Da kam richtig viel zurück, weil ihr richtig viel gegeben habt. Das war super!

Nach dem Konzert gehen wir dann nach Hause (oder feiern noch) und sind beglückt von diesem Austausch, der Kommunikation, dem Energiefluss, davon, dass sich unsere Seelen berührt haben.

Gerade bei Friend of God gab es bei der Konfirmation auch diesen Energiefluß. Ich konnte alle meine sonst immer parallel mitlaufenden Gedanken ausblenden und bin am Klavier in einen Flow reingekommen. Ich war bei mir und es gab diesen Energiefluß, es gab Groove, es gab Leidenschaft, Hingabe und diese Verbindung zu was auch immer. Danke, ein großartiges Erlebnis!

Klar, ich weiß, irgendwelche Ariale im Hirnfrontallappen waren da gerade besonders aktiv bei mir. Schön, könnten sie gerne öfter sein. Und natürlich gibt es für alles eine Erklärung. Aber diese Erklärungen nützten nichts, denn das, was uns im geistlichen Konzert interessiert, ist die Kommunikation, die Emotion und die Leidenschaft in unserm Erleben und Erfahrungen mit Gott, unseren Wünschen für die Zukunft, der Dankbarkeit, dem Sehen – alles das durch die Musik transportiert.  Davon brauchen wir so richtig viel. Und wir sind mit ReJOYce in diesem Projekt auf einem sehr guten Weg dahin.

Warnung: Für Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker.

Was ich sagen will: So Musik zu machen kostet extrem viel Kraft. Es kann uns auch extrem viel Kraft geben. Ich möchte eine Sängerin zitieren, die an einem Dienstag nach einem unserer Konzerte die Songs so laut in ihrem Kopf singen hörte, dass sie sich auf dem Tibarg schon gefragt hat, warum die anderen Menschen, um sie herum, das nicht hören können, so präsent war die Musik in ihr. Sie hatte einen total langen Flow nach dem Konzert, wunderbar!

Um so fitter ihr seid (ausgeschlafen, Songs gelernt), um so offener könnt ihr für alles andere sein und um so mehr könnt ihr auch aufnehmen. Und dann kann man sehr viel erleben. Und das kann einen sehr glücklich machen.

Kommunikation. Emotionen. Leidenschaft. Und eine richtig gute Bühnenpräsenz!

Let’s go for it!

Gudrun

1 Kommentar

  1. Liebe Gudrun
    Du hast so recht mit dem, was du beschreibst. Ich hatte dieses Wochenende in Kühlungsborn einen Gosoel-Workshop: einen Tag lang sich gegenseitig, die Musiklehrerin, die Lieder und die Texte kennenlernen, am nächsten Morgen das erste Lied frei ohne Text im Gottesdienst singen.
    Es kam wirklich mit voller Hingabe bei der Gemeinde und uns an. Solche Augenblicke geben uns Sängern soviel.
    Dann am Nachmittag ein weiteres Konzert in einer anderen Kirche zusammen mit einem Chor, der schon 10 Jahre zusammen singt.
    Dass dem Publikum der Teil kleinere Teil mit uns als Sängern besser gefallen hat, kann wirklich nur daran liegen, dass in unserem Gesang soviel Emotionen lagen.
    In diesem Sinne hoffe ich, dass wir unser Konzert am Sonntag genauso beseelen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*